Fall-Rätsel

Fall: Anorexia nervosa
Eine 53 jährige Frau kommt zu H.V. Müller in die Sprechstunde. Sie hat Widerwillen gegen jedes Essen und dadurch seit langer Zeit ein erhebliches Untergewicht. Es begann im Alter von 34 Jahren, als sie mit Beruf und Kind so überfordert war, dass sie mit Anorexie in die Klinik musste (Gewicht damals 38 kg).
Sie empfindet eine ständige Völle oberhalb des Nabels und kann deshalb den Gürtel nicht eng schnüren; sogar die Kleidung (z.B. den Kragen) empfindet sie als beengend. Im Hals hat sie ein Kloßgefühl und viel Luft aufstoßen. Beim Essen kommt es sofort zu einer unüberwindbaren Sperre. Von der Cardia aufsteigend empfindet sie ein Krampfgefühl, das jede Passage unmöglich macht. Es würgt sie, wenn sie den ersten Bissen im Munde hat.
Beim Husten und geringer beim Gehen hat sie unwillkürlichen Harnabgang. Morgens beobachtet sie Schwellungen unterhalb der Augen, aber mehr noch im Bereich der Oberlider, rechts mehr als links (< zu langer Schlaf). Der Bauch ist oft gebläht (> Stuhlgang und Winde). Sie ist empfindlich gegen Kälte und empfindet dann Schmerzen in der Nierengegend und muss mehr Wasser. Die Nase ist oft verstopft mit Krusten.
Befunde
Größe 162 cm, Gewicht 40 kg, Druckempfindlichkeit der Leber, Colon ascendens und descendens sowie der rechten Niere. Nachweis von Eiweiß im Harn. Diagnose einer Zyste in der Mamma (Seite n.b.)
Psychoanamnese: Ausführlich und lang, jedoch nicht sehr ergiebig, was die Mittelwahl anbelangt. Wegen ihrer Erkrankung sieht sie schwarz für ihre Zukunft (Beruf), sie fürchtet, ihre Aufträge zu verlieren und ist mutlos und verwzeifelt.
H.V. Müller nutzt die Farbvorliebe und Handschrift zur Mittelbestätigung. Lieblingsfarbe: weiß.
(aus Lit: AHZ 3/92, Bd. 237, 1992)

Fall-Rätsel

Fall: "Gesichtsneuralgie"
Am 08. Juni 1890 kam eine schlanke dunkelhaarige Frau mit nervösen Temperament in die Praxis von E.E. Case. Seit Monaten leidet die Patienten schon an neuralgischen Gesichtsschmerzen. Ihre Schmerzen beginnen in der rechten Schläfe und erstrecken sich abwärts über das Gesicht, v.a. unter den Augen und rechts neben der Nase. Das Gesicht ist dann berührungsempfindlich. Leichter Druck im Gesicht löst die Gesichtsschmerzen sofort aus. Es fällt dann eine umschriebene Rötung der Wangen auf. Die Schmerzen beschreibt sie als "kribbelnd", "wie eine tickende Uhr", "brennen wie Feuer", "wie heiße Nadeln im Gesicht", "wie feine straffe Fäden im Gesicht".
Nach ..???... (Potenz: 1M) 4 x an einem Tag hatte sie für 1 Woche keine Schmerzen mehr. Nach einer Arbeitsüberlastung traten die Schmerzen schwächer wieder auf. Nach ...???... (Einmalgabe 40M) verschwand die Neuralgie dauerhaft.
(E.E: Case, M.D. Hartford, Hom. Phys., Vol.XIII, 1893)

Fall-Rätsel

Fall: "Erkältung mit Halsschmerzen"
J.T. Kent berichtet von einer 52 jährigen Patientin (blond, blauäugig), die vor einem Monat erkältet war und ihre Halsschmerzen mit Chinin behandelte. Seit gestern Nachmittag litt sie nun auch über Schmerzen im Bereich des rechten Ovars, als ob sich der Schmerz in einem Knoten zusammenziehe; Bewegung und Gehen sind schmerzhaft. Sie hatte tags zuvor um 15 Uhr ein Kältegefühl über den ganzen Körper und wurde die ganze Nacht nicht mehr warm. Ihr Puls war klein und schnell. Schweiß entwickelte sie schon bei leichter Bewegung. Nach dem Abendessen war Ihr zum Würgen. Nach weiteren Chiningaben bekam sie Kopfschmerzen und hatte einen schlechten Geschmack im Mund.
Die Arznei ...???... (Potenz: 45 M), 6 Gaben trocken jede Nacht eine Gabe.
Am 3. Tag waren all ihre Beschwerden verschwunden.
(Lit.: Kent, J.T., Lesser writings)

Fall-Raetsel

Fall: "Ischias im linken Bein"
Ein 48 jähriger Tischler leidet nach Arbeit bei kaltem Wetter bereits 3 Tage lang an ziehenden Schmerzen im linken Bein. Dieser Schmerz beginnt im Gesäß und erstreckt sich über den hinteren Oberschenkel in die Knieregion bis in die Wade. Besser wird der Schmerz beim ruhigen Liegen mit ausgestreckten Bein und beim langsamen Gehen, beim Sitzen ist es unerträglich.
Rhus tox. und Puls. brachten (nätürlich) keine Besserung. Alles wurde im Laufe von 2 Tagen nur schlimmer, die einzige Besserung hatte er noch in liegender ruhiger Position. Nach einer einzigen Dosis der Arznei (Potenz: CM) ließen die Schmerzen in 2 Stunden erheblich nach und verschwanden nach 1-1,5 Tagen vollständig.
(Lit: Lutze, F.H.: The Therapeutics of Facial & Sciatic Neuragias)

Fall-Rätsel

Fall: Migräne mit Sehstörungen
Eine große schlanke nervöse Frau, 30 Jahre alt, kommt zu Dr. P. Jousset in die Praxis wegen 'Migräne in den Augen'. Nach Augenanstrengung bei feiner Handarbeit und Lesen leidet sie mittlerweile seit 18 Monaten unter quälenden Kopfschmerzen mit zunehmender Sehschwäche. Plötzlich kann sie nur eine Hälfte der Objekte sehen, manchmal die rechte und manchmal die linke Seite. Die bekannten Mittel dafür sind _?_, _?_, _?_ und _?_.
Da die Frau unter Verstopfung litt verordnete Dr. Jousset der Patientin _?_,
Von dieser Arznei ist bekannt, dass sie einseitige Kopfschmerzen mit Erbrechen, Neuralgien im Gesicht und veränderte Sinneswahrnehmungen hervorrufen kann.
Welche Arzneien zieht Dr. Jousset hier in Betracht?
(Lit: aus Barker, J.E.: Miracles of Healing, Ind. Ed.)
Homöopathie und Rationalität
Medizin zwischen Empathie und Objektivismus

Das Programm Galileis alles zu messen, was messbar ist, und messbar zu machen, was noch nicht messbar ist, hat in den letzten zwei Jahrhunderten die Medizin in einer Weise und in einem Ausmaß transformiert, dass heute weltweit unter wissenschaftlicher Medizin wie selbstverständlich Quantifizierbarkeit, Reproduzierbarkeit und Standardisierbarkeit verstanden wird. Was sich nicht objektivieren, das heißt maschinell erfassen, verarbeiten und auswerten lässt, wird von der modernen evidenzbasierten Mainstream-Medizin nicht wirklich wahrgenommen, geschweige denn behandelt. Trotz ihrer Erfolge und Unentbehrlichkeit bei bestimmten Indikationen fühlen sich dabei aber immer mehr Patienten unverstanden und übergangen und suchen ihr Heil in alternativen Therapiemethoden.

Wenn Menschen aber mehr sind als die Summe ihrer Messwerte und über je eigene subjektive, seelisch-geistige Dimensionen verfügen, zeigt sich beim Versuch ihrer wissenschaftlichen Erfassung das Ungenügen einer bloß naturwissenschaftlich ausgerichteten Rationalität. Empfindungen, Leiden und Sehnsüchte eines Menschen lassen sich nicht durch Maschinen, sondern nur von mitempfindenden, mitleidenden und mitsehnenden Menschen wahrnehmen und innerhalb des jeweiligen Lebenskontextes und Sinnzusammenhangs verstehen und bewerten. Die dazu erforderliche Empathie erweist sich in der Medizin als notwendige und unerlässliche Bedingung einer ganzheitlichen Anamnese, wenngleich sie allein noch keine wirksame Therapie garantiert. Statt ganz in seinem Mitgefühl aufzugehen, muss der Therapeut stets auch eine gewisse Distanz zum Patienten wahren, um gezielt und rational entscheiden und Hilfe leisten zu können.

Im Gegensatz zur konventionellen Medizin wie auch zur Psychologie und Psychosomatik ist die Homöopathie in der privilegierten Situation, in ihrer Theorie beide Aspekte abzudecken. Hahnemanns rationale Methodik einer experimentellen Pharamakotherapie und seine Anweisungen an den ärztlichen Beobachter zur vorutreilsfreien und empathischen hermeneutisch-phänomenologischen Erfassung des individuellen Patienten einschließlich seiner gesundheitlichen Entwicklung sind gleichermaßen bestimmend für die homöopathische Heilkunst. In der Positionierung gegenüber normativen Geltungsansprüchen der prädominanten studien-, statistik- und ökonomiebasierten Schulmedizin täten Homöopathen gut daran, diese ihre methodische Stärke wirkungsvoller zu vertreten.

(Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie, WissHom, 2013)